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Angewandte Landschaftsforschung

Documento informativo
Geographica Helvetica 1979 - Nr. Klaus 3 C. Ewald Angewandte Landschaftsforschung 1. Einleitung Eidgenössische Departement des In¬ Schweizerischen Schulrat, eine Gruppe nern für angewandte Landschaftsforschung zu schaffen. Diese wurde an der Eidgenössischen Anstalt für das forstliche Versuchswesen (EAFV) - eine der fünf mit den Eidgenössischen Technischen Hochschulen verbundenen Anstalten - in Birmensdorf bei Zü¬ rich eingerichtet. Zwischen dem Sommer 1977 und dem Frühjahr 1978 nahmen ein Zoologe, ein Geo¬ graph (der Autor) und ein Geobotaniker die Arbeit an der EAFV auf. Der Auftrag enthält die Zweck¬ bestimmung, es seien Grundlagen für den Naturund Landschaftsschutz zu erarbeiten, und es sei koordinierend und fördernd im Bereich der ange¬ wandten Landschaftsforschung zu wirken. Der beschränkte Raum erlaubt es nicht, Land¬ schaftsforschung in den Rahmen der heute verfüg¬ baren Literatur zu stellen. Deshalb kann hier nur ein grober Überblick skizziert werden. 1977 bat das den schung als solche gibt es bei der geforderten ganz¬ heitlichen Betrachtungsweise nicht; eine Untersu¬ chung, von einer klaren Fragestellung oder von Hy¬ pothesen ausgehend, kann grundsätzlich nicht dar¬ auf abzielen, mit ihren Ergebnissen zum voraus festgelegter, spezifischer Anwendung zu dienen. Es ist lediglich möglich, Fragestellung und Untersu¬ chungsanordnung so anzusetzen, daß anwendbare Ergebnisse erwartet werden können. Auftrags- und Zweckforschung, auf gutachterischem Wege ent¬ standen, haben in neuerer Zeit im Sektor Natur und Landschaft eine Kluft gebildet zwischen der sogenannten Grundlagenforschung und der ange¬ wandten Forschung. Dieser Hiatus ist zu schließen, und Untersu¬ bereits indem Fragestellungen auf wissenschaftliche Erkenntnisse chungsabläufe abzustützen sind. Die Ergebnisse haben wissen¬ schaftlicher Überprüfung standzuhalten. Hinterher ist festzustellen, ob anwendbare Erkenntnisse ge¬ wonnen worden sind oder nicht. 3. 2. Begriffserläuterungen Um den Einstieg zu geben, ist kurz zu erläutern, wie angewandte Landschaftsforschung im folgen¬ den zu verstehen ist. Landschaft wird als System in¬ terpretiert, das aus Elementen aufgebaut ist, wel¬ che miteinander in Beziehung stehen. Dabei kann es sich um Naturlandschaft oder um die viel häufi¬ gere Kulturlandschaft handeln. Größe, Lage u. ä. der zu untersuchenden Landschaft spielen keine Rolle. Entscheidend für die Landschaftsforschung ist es, wie die Grenzen der Systeme, die bezüglich ihrer Elemente und Beziehungen eine relativ hohe räum¬ liche und zeitliche Geschlossenheit aufweisen, fest¬ gelegt werden. Daß Auswirkungen menschlicher Tätigkeiten im landschaftlichen System ebenfalls erfaßt werden, ist hier nur deshalb anzumerken, weil es Arbeiten im Bereich Landschaft gibt, die den Menschen nahezu ausklammern. Der Begriff «angewandt» bedeutet nichts anderes, als daß Ergebnisse oder Teilerkenntnisse von Un¬ tersuchungen gegebenenfalls bis zu einer anwend¬ baren Form auszuarbeiten sind. Angewandte For¬ Gegenstand Das landschaftliche System besteht aus einer Menge von Elementen, die miteinander in Beziehung ste¬ hen. Als Beispiel diene eine frühere, naturnahe Flußlandschaft des Mittellandes mit mäandrierendem Fluß, Altläufen, Altwassern, Ufervegetation, Amphibienbeständen, einer Fischotterpopulation, lichten Auenwäldern und andern Naturbereichen. In einer solchen Landschaft, Teillandschaft oder je nach Standpunkt auch Landschaftsausschnitt bestehen sichtbare und unsichtbare Beziehungen zwischen den Elementen; so zwischen dem Grund¬ wasserstrom und dem ihn speisenden Fluß; zwi¬ schen dem episodisch überschwemmenden Fluß und den durch Erosion und Akkumulation initiier¬ ten Sukzessionen; zwischen dem Altwasser und dem Auenwald, indem ersteres als Laichplatz, letz¬ terer als Jagdgebiet für Amphibien dient usw. Im letzten Jahrhundert waren solche Verhältnisse noch vorhanden, zum mindesten abschnittweise oder - - Klaus C. Ewald, Geograph SIA, Eidg. Anstalt für das forst¬ liche Versuchswesen, 8903 Birmensdorf. Dr. 109 doch mit einer kleineren Zahl von ursprünglichen, Zustandsänderungen natürlichen Elementen. Im Laufe der Zeit wurden die Naturbereiche durch Kulturbereiche ersetzt. Zum mindesten wurden sie räumlich oder in ihrer Substanz verändert. Es wur¬ den Flüsse begradigt, befestigt und eingedämmt; Auenwälder wurden gerodet und urbarisiert; Alt¬ läufe und Altwasser aufgefüllt und in Kulturland überführt usw. Einige wenige Reste von Naturele¬ menten sind noch verblieben. Hinzugekommen sind aber kulturelle und zivilisatorische Elemente, wie Siedlungen, Industrieanlagen, Straßen, Kies¬ gruben und ähnliches. Auch im neuentstandenen kulturlandschaftlichen System bestehen Beziehun¬ gen. Diejenigen der Naturlandschaft sind kaum mehr oder nur noch teilweise vorhanden, da Natur¬ elemente aufgehoben oder eingeengt worden sind. Neue Beziehungen beginnen sich einzuspielen, so jene zwischen der intensiven Düngung des Kultur¬ landes im ehemaligen Auenwald und der dadurch bedingten Beeinflussung der Grundwasserqualität. Eine andere offensichtlich neue Beziehung besteht in der Absenkung des Grundwasserspiegels durch bauliche Eingriffe. Das Grundwasser soll als Bei¬ spiel dienen, um auf übergeordnete Elemente in der Landschaft hinzuweisen, da Veränderungen des Grundwasserspiegels oft vorgenommen wurden. Im stark meliorierten Mittelland beeinflußt der durch wasserbauliche Maßnahmen abgesenkte Wasserspiegel mehrere Elemente gleichzeitig - do¬ miniert in diesem Sinne also zahlreiche andere Ein¬ steht ein Ziel im flüsse. Folgende Momente sind dem vorhergehenden zu entnehmen: Landschaft unterliegt einer eigenstän¬ digen und einer durch den Menschen geschaffenen Dynamik. Weil Landschaft als System einer Anzahl miteinander in Beziehung stehender Elemente auf¬ zufassen ist, ist sie weder als Summe räumlicher be¬ nachbarter Teile noch von einem momentanen Zu¬ stand ausgehend zu begreifen. Landschaft ist des¬ halb gleichzeitig in Raum und Zeit zu untersuchen. Vielzahl von baulichen und strukturellen Maßnahmen bewirkt den Wandel von der NaturDie Veränderungen, die zur Kulturlandschaft. Natur- durch Kulturelemente ersetzen, stellen als solche einen Gegenstand der Landschaftsforschung dar; denn sie setzen durch ihre Auswirkungen auf einzelne Elemente und deren Beziehungen Verän¬ derungen in Gang und werfen damit neue Pro¬ Eine bleme auf. 4. Ziele Ziele der Landschaftsforschung bestehen im Festhalten und Darstellen von Veränderungen in prädiktivem Sinne. Dabei geht es einerseits darum, die Änderungen der Mengen der Elemente, d. h. die Die 110 zu erfassen. Andererseits be¬ Auffinden der Änderung der Be¬ zwischen den Elementen. Ausgehend von einer Reihe von Zustands- und Beziehungsän¬ derungen ist mit einem abschätzbaren Maß an Zu¬ verlässigkeit auf einen neuen Zustand zu schließen. Wesentlich dabei ist, Veränderungen derart unter Kontrolle zu bringen, daß Abläufe im landschaftli¬ chen Geschehen erkennbar und gegebenenfalls vor¬ aussehbar werden. ziehungen 5. Aufgaben Die Veränderungen der Landschaft stellen also Ge¬ genstand und Ziele der Landschaftsforschung dar. Zusammengefaßt bestehen die Aufgaben im Erfas¬ sen in von Zuständen zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedenen Räumen. Diese Aufgaben seien anhand einiger Ansätze skizziert. 5.7 Veränderung der sichtbaren Elemente der Landschaft Am einfachsten läßt sich dies am Beispiel eines 25 000 Grundrisses der Landeskarte der Schweiz erläutern. Ein beliebiger Kartenausschnitt auf einer Erstausgabe dieses Kartenwerkes ist mit demselben Ausschnitt auf der neuesten Ausgabe zu verglei¬ chen. Die dazwischen eingetretenen Veränderungen lassen sich feststellen: Straßen und Häuser sind ge¬ baut worden; der Streuobstbau ist aufgegeben oder durch Obstintensivanlagen ersetzt worden usw. Markiert man sämtliche Veränderungen gegenüber der Erstausgabe in der neuesten Ausgabe, so kann man diese quantifizieren, so z.B. die Länge der neu gebauten Straßen, die Fläche der überbauten Are¬ ale, die Länge der eingedolten Fließgewässer, die Fläche der entwässerten Feuchtgebiete usw. Das ist eine, zwar maßstäblich begrenzte Möglichkeit, Ver¬ änderungen in Raum und Zeit festzuhalten. Mit dieser Art des Vergleichens und Quantifizierens ist aber nur die Veränderung der sichtbaren Elemente, nicht aber die Änderung der Beziehungen erfaßbar. Beim Kartenvergleich können nur Elemente, die Gegenstand der Kartographie sind, berücksichtigt werden. Verwendet man dagegen Luftbilder aus verschiedenen Zeiten, so sind auch qualitative Mo¬ mente wie z. B. die Ausbildung der Vegetation in die Veränderungsdarstellung einzubeziehen. Auch diese Veränderungen lassen sich quantifizieren. Man kann sie - wie die erstgenannten - bewerten, indem man sie z. B. auf eine Fläche und einen Zeit¬ raum bezieht. 1 : 5.2 Auswirkungen der Veränderungen der sichtbaren Elemente der Landschaft Der Veränderung der sichtbaren Elemente folgen Änderungen der Beziehungen, die schwer voraus- sehbar sind - deren Folgen hingegen sichtbar wer¬ Landschaft den können. lassen sich qualitativ mit Stich- oder Schlagworten ausdrücken, wobei diese sowohl eine Veränderung Zustandsänderungen der von sichtbaren Elementen, als auch daraus resul¬ tierende Beziehungsänderungen signalisieren. Be¬ griffe wie Begradigung, Eindämmung, Eindolung, Entwässerung, Intensivierung usw. bringen die ein¬ geleiteten Prozesse, die eingetretene Veränderung sowie die Änderung der Beziehungen zum Aus¬ druck. Beziehungsänderungen werden meist erst realisiert, wenn dadurch neue Beziehungen entstanden sind. Am einleuchtendsten sind Beispiele im Bereich der «Schädlinge». So sind im Zuge der Landschafts¬ veränderungen natürliche Futterplätze mit Samen, Früchten, Beeren usw. beseitigt worden; als Folge davon weichen gewisse Vogelarten auf Kulturpflan¬ zen aus. Der Rückgang des Wiedehopfs scheint eine Folge der Beseitigung der parkartigen Obstan¬ lagen, der Entwässerung und der Weideintensivie¬ rung zu sein. Durch die Intensivierung der Gras¬ wirtschaft sind blumenreiche Wiesen und die auf sie angewiesenen Kleintiere seltener geworden. Diese wenigen aus der Vielzahl heute bekannter Beispiele sollen genügen, um die altbekannte, aber nicht zur Kenntnis genommene Tatsache zu wieder¬ holen ein einzelnes Element ist nicht isoliert mani¬ pulierbar. Eindrücklich zeigt sich die Verkettung von Beziehungen bei der Änderung der Menge des Elementes Wasser in einem Hochmoor: Nährstoff¬ haushalt, Hochmoorpflanzen, Torfbildung und da¬ mit das Relief werden beeinflußt. Analoges ereignet sich bei der Eutrophierung eines Sees. Die Ursache für dessen Störung liegt häufig in einer zu hohen Phosphateinschwemmung. Dies führt zu stärkerem Algenwachstum und damit zu größerem Sauer¬ stoffverzehr. Parallel dazu nimmt die Sichttiefe ab, die Kleinkrebse und die Fischmenge (über die Ver¬ änderung der Artenzusammensetzung ist damit nichts ausgesagt) nehmen zu. : 5.3 Ursachen für Störungen Die Suche nach Beziehungen erfolgt über das Be¬ stimmen von Änderungsraten und Korrelationen. Sie ist zunächst häufig unter biologischen Gesichts¬ punkten anzugehen. Doch zeigt die Erfahrung über die Umweltveränderungen der letzten Jahre, daß auslösende Momente im Landschaftswandel zu fin¬ den sind. Immer wieder «ereignen» sich unkontrol¬ lierte, unvorhergesehene Änderungen, weil das an technische Abläufe gewohnte Vorstellungsvermö¬ gen die Folgen von mehreren veränderten Faktoren und Elementen nicht verarbeiten und voraussehen kann. Es ist daher im Rahmen der Landschaftsfor¬ schung nach Ursachen für Störungen (meist Gleich¬ gewichtsstörungen) zu suchen. Ausgangslage für die Untersuchung heutiger Ver¬ hältnisse können schweizerische mittelländische Landschaften der fünfziger Jahre darstellen. Da¬ mals - z.T. noch zu Beginn der sechziger Jahre waren diese landschaftlichen Systeme von verschie¬ denen Naturbereichen durchsetzt. Zum einen war die landwirtschaftliche Nutzung bezüglich Mecha¬ nisierung und Hilfsstoffeeinsatz noch nicht inten¬ siv; zum andern gab es extensiv genutzte Bereiche und kaum genutztes «Niemandsland» am Rande von Acker- und Wiesengebieten, den Waldrändern entlang, an Straßenböschungen usw. Die bewirt¬ schafteten Gebiete uferten in Naturbereiche aus; zusätzlich gab es wesentlich mehr Reste der Natur¬ landschaft, wie unkorrigierte Gewässer, Auenbe¬ reiche, Feuchtgebiete usw. Weder die räumliche Ausnutzung noch die Nut¬ zung der einzelnen Flächen waren intensiv. Außer¬ dem gab es erhebliche Unterschiede in der Nut¬ zungsintensität. Deshalb waren in großen Teilen der Landschaft eigentliche Naturbereiche und na¬ türliche Bereiche vorhanden. Daß zwischen Natur¬ raum und Kulturraum Beziehungen spielen konn¬ ten, war kein Zufall, lehnten sich frühere Nut¬ zungsbereiche viel inniger an natürliche Gegeben¬ heiten an als die heutigen. So konnten Kulturland¬ schaften ein eigentliches Mosaik an Lebensräumen enthalten. Mit diesen Landschaftszuständen sind die im Ab¬ schnitt 5.1 umrissenen Veränderungen zu konfron¬ tieren. Die in Abschnitt 5.2 eingeführten Schlag¬ worte kennzeichnen die Entwicklung: Bauten aller Art, Korrektionen, Begradigungen, Eindämmun¬ gen, Rationalisierung, Intensivierung und ähnliches sind erstellt oder durchgeführt worden. Parallel dazu gewann man die Einsicht, Raumordnung sei durch Raumplanung zu erreichen. Deshalb ver¬ sucht man, die besiedelten und zu besiedelnden Ge¬ biete wie auch die nicht überbaute Landschaft in den planerischen Griff zu bekommen. Dabei geht es darum, Nutzungsbereiche zu erobern, zu vertei¬ digen und gegen andere Nutzungsbereiche abzu¬ grenzen. Nutzung der Landschaft bedeutet nichts anderes als bestimmte Ansprüche wahrzunehmen. Deshalb sind Nutzungsbereiche als Interessen¬ sphären in der Landschaft zu verstehen. Das führt zur Einteilung der Landschaft in Nutzungsbereiche wie Wald, Landwirtschaftsgebiet, Wohnzonen, In¬ dustriezonen usw. Der Detaillierungsgrad ist dort am größten, wo sich die Interessen am meisten kon¬ kurrenzieren, nämlich in den Baugebieten. Außer¬ halb der Baugebiete wird oft nur eine Zone, das so¬ genannte übrige Gemeindegebiet, ausgeschieden. Es kommt aber trotzdem hie und da eine Differen¬ zierung vor, sei das im Rahmen einer Zonen- oder gar einer Landschaftsplanung. Aus der Sicht der Landschaftsforschung ist das Rechtsinstrument der Planung und Verwaltung der 111 Landschaft irrelevant. Wesentlich ist, ob bei der Beplanung der Landschaft den Lebensräumen, den natürlichen Gegebenheiten, den Beziehungen usw. Rechnung getragen wird oder nicht. Der Alltag be¬ weist, daß beim Aufteilen der Landschaft in Nut¬ zungsbereiche nur die materielle Werthierarchie zum Tragen kommt, indem Landschaft den Nut¬ zungen angepaßt wird. Namentlich strukturberei¬ nigte und meliorierte Landschaft belegt, daß mit dieser Aufteilung der Landschaft und dem Statuie¬ ren von scharfen Grenzen, anstelle von Übergän¬ gen, Instabilitäten und Unstetigkeiten (begradigte Waldränder, steile Böschungen, rasche Wasserab¬ züge usw.) geschaffen werden. Den Umstrukturie¬ rungen der Landschaft, die sich mit Blockwürfen, Drainagen, Planierungen usw. manifestieren und von Intensivierungen aller Art gefolgt werden, fal¬ len Lebensräume, Elemente und Beziehungen zu Häuf zum Opfer. Anstelle der vormaligen Säume, der gleitenden Übergänge und des Niemandslandes sind Nutzungsbereiche mit scharfen Grenzen getre¬ ten. Dadurch werden vermehrt Nutzungsüberlage¬ rungen in der Landschaft herbeigeführt. Diese kön¬ nen sich dann besonders negativ auswirken, wenn sie sich nicht an gegebene Naturräume wie Gelän¬ dekammern, Flußläufe, Grundwasserkörper u.a. halten. Die Quintessenz ist folgendermaßen zu formulie¬ ren: Lebensräume stellen Elemente der Landschaft dar. Die Landschaftsforschung befaßt sich mit dem System dieser Lebensräume. Die menschlichen Nutzungsbereiche decken sich aber nur zum Teil mit ihnen. Solange sich planerische Maßnahmen nur mit dem Zuordnen von Nutzungsbereichen be¬ fassen und die Lebensräume unberücksichtigt las¬ sen, solange wird es Gleichgewichtsstörungen und Konflikte geben. Ein Aufgabenbereich der Land¬ schaftsforschung besteht deshalb darin, frühere, stabile Zustände einer Landschaft sowie die einge¬ tretenen Veränderungen zu untersuchen, um Ursa¬ chen der Störung nachvollziehbar darstellen zu können. stand, Erntestatistiken, das Verzeichnis der Kunst¬ bauten der Nationalstraßen usw. werden sorgfältig nachgeführt. Wo aber kein unmittelbarer Nutzen besteht, gibt es wenig Nachfrage nach Wissen und somit keine finanzielle Unterstützung. So ist unbe¬ kannt, wieviele Hochmoore oder Davallseggenrieder heute in der Schweiz vorhanden sind; welches ganz allgemein die früheren und heutigen Verbrei¬ tungsgebiete von Pflanzen- und Tierarten sowie von Lebensgemeinschaften und Kleinlebensräumen sind. Das Wissen über Landschafts- und Naturzu¬ stände fehlt nicht nur für früher, sondern mit weni¬ gen Ausnahmen auch für heute - die Schweiz ist in mancher Beziehung terra incognita. Deshalb steht die Landschaftsforschung vor unüberbrückbaren Wissenslücken; denn was nicht erfaßt wurde, bleibt unbekannt und ist als verloren zu qualifizieren. 7. Arbeitsmethoden Da in der Landschaft physische, biologische und künstliche Elemente samt den Beziehungen unter¬ einander bestehen, erfordert ihre Erforschung na¬ turwissenschaftliche, kultur- und sozialgeographi¬ sche Arbeitsmethoden, überdecken müssen. die einander So ist in der möglichst breit Landschaftsfor¬ schung ein inter- oder mindestens multidisziplinäArbeiten von Anfang an vonnöten. Das ist aber nur für Untersuchungen gegenwärtiger und zu¬ res künftiger Verhältnisse möglich. Veränderungen der ferneren Vergangenheit und der Landschaftsge¬ schichte können nur noch bruchstückweise derart nachgewiesen werden. Kartenvergleiche und Luftbildauswertungen sind einfache Arbeitsmethoden, um Veränderungen sichtbarer Elemente zu erheben und um grobe Re¬ konstruktionsversuche landschaftlicher Zustände durchzuführen. Das mündete im Verfassungsartikel 22quater; der 196o mit großer Mehrheit von Volk und Ständen angenommen wurde. Art. 22quale' ' Der Bund stellt auf dem Wege der Gesetzgebung Grund¬ sätze auf für eine durch die Kantone zu schaffende, der zweckmäßigen Nutzung des Bodens und der geordneten Besiedelung des Landes dienende Raumplanung. 2 Er fördert und koordiniert die Bestrebungen der Kantone und arbeitet mit ihnen zusammen. 3 Er berücksichtigt in Erfüllung seiner Aufgaben die Erforder¬ nisse der Landes-, Regional- und Ortsplanung. 1943, also lange vor dieser Abstimmung, die 1969 den Weg zu einem Bundesgesetz über die Raumplanung ebnete, wurde in Zürich ein «Institut für Landespla¬ nung» gegründet und dem Geographischen Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschule ange¬ gliedert. 1961 verselbständigte es sich dann unter dem Namen «Institut für Orts-, Regional- und Landespla¬ nung». Dort begannen um 1967 die - für die zweite Periode richtungsweisenden - Arbeiten an den landes- planerischen Leitbildern. Die Landesplanung wurde damals, ganz im Sinne der traditionellen Geographie, als etwas Umfassendes, d. h. als zielorientierte Gesamtplanung, verstanden, die sich über das ganze Land erstrecken sollte. Diese Grundvorstellungen fanden im ersten Bundesgesetz Hans Flückiger, Dr. rer. pol. Stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Raumplanung Bundesamt für Raumplanung, 3003 Bern 65 über die Raumplanung ihren Niederschlag. Die in jener Zeit publizierten Landesplanerischen Leitbilder lieferten gewissermaßen das konkrete Anschauungs¬ material für die Auseinandersetzungen um das erste Raumplanungsgesetz. Ebenfalls in dieser zweiten Periode schritten Regierung und Parlament gegen die immer schlimmer werdende Zersiedlung des Landes ein: Mittels Notrechts (Bundesbeschluß über dring¬ liche Maßnahmen auf dem Gebiete der Raumpla¬ nung, vom 17. März 1972) mußte landesweit die Landschaft vor einer ungeordneten Überbauung bewahrt werden. Eine ganze Anzahl von Kantonen betrachtete indes¬ sen die Pflicht zur Bezeichnung von Schutzgebieten als obrigkeitliche Maßnahme. Nicht zuletzt unter diesem Eindruck erwuchs dem ersten Bundesgesetz über die Raumplanung ernste Opposition, die am Ende auch erfolgreich war. Diese Opposition rügte den zentralistischen Charakter einer leitbildorientier¬ ten Raumplanung. Sie fürchtete eine zu starke Einflußnahme «Berns» in kantonale Hoheit - ein Attribut, das im traditionell föderalistisch ausgerichte¬ ten Bundesstaat Schweiz jedes Gesetz zum Scheitern verurteilt. Trotzdem - namentlich in den geschmähten Leitbildberichten wurde viel wertvolle Arbeit geleistet, auch von der Geographie. Dementsprechend groß war dann natürlich die Enttäuschung nach der verlorenen Volksabstimmung - in der Geographie, aber nicht nur dort. Geblieben sind aus jener Zeit reiche Erfahrun¬ gen und eine ganze Anzahl Grundlagenberichte, zu wesentlichen Teilen aus der Hand von Geographen, die auch heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben: Klimaeignungskarte für die Landwirtschaft, 1: 200000 (1977), Raumtypisierung nach geographischen Ge¬ sichtspunkten als Grundlage der Raumplanung auf höherer Stufe (1974). Unmittelbar nach der Ablehnung des ersten Raumpla¬ nungsgesetzes 1976 begann eine tiefgreifende Neu¬ orientierung in der Raumplanung. Sie führte weg von einer zielorientierten Gesamtplanung Schweiz - hin zu einem problembezogenen Ansatz mit begleiten¬ dem Zielsetzungsprozeß, der durch geeignete Verfah¬ ren und Instrumente in den Kantonen sichergestellt werden sollte. Damit hob die dritte Phase der schweizerischen Raumplanung an. Im nunmehr rechtskräftigen Raum¬ planungsgesetz sticht die klare Aufgabenteilung zwi¬ schen Bund und Kantonen hervor. Der Bund hat sich auf eine Grundsatz-Gesetzgebung zu beschränken, die Planungshoheit liegt ganz eindeutig bei den Kantonen, also der mittleren Ebene in der föderalisti¬ schen Hierarchie unseres Landes. Die Hauptaufgabe des Bundes ist somit die Abstimmung bundeseigener raumwirksamer Tätigkeiten sowie die Koordination der kantonalen Richtplanungen. Die Nutzungspla¬ nung ist Sache der Kantone. Materiell zusammenge¬ halten wird dieses Planungssystem durch ein konkre¬ tes Wertgefüge, das in den Ziel- und Grundsatzarti¬ keln des Raumplanungsgesetzes verankert ist. Dieses neue Planungsverständnis verlangt ein Um¬ denken, insbesondere von den Pionieren der Raum¬ planung in der Schweiz - also auch von den Geogra¬ phen. Studien und Untersuchungen mit gesamtheitli¬ chem Ansatz werden zwar noch als Planungsgrundla¬ gen gebraucht, doch das Hauptgewicht planerischer Arbeit liegt auf der Lösung von Konflikten, die durch konkurrierende Nutzungsansprüche an den Boden entstehen. Damit ist die Geographie aufgerufen, ihre Aktivitäten vermehrt auf aktuelle Probleme auszurich¬ ten. Im Zusammenhang mit der Anwendung der Planungsgrundsätze bei Rieht- und Nutzungsplanun¬ gen bestehen beispielsweise große Wissenslücken. Hier tut sich der Geographie - aber nicht nur ihr - ein neues, breites Feld praxisorientierter wissenschaftli¬ cher Tätigkeit auf. Es liegt nun an ihr, diese Heraus¬ forderung anzunehmen. 2. Was erwartet die Raumplanung heute von der Geographie? Aus dem Vorangegangenen geht eines hervor: Die Raumplanung hat sich heute als eigenständige Staats¬ aufgabe etabliert. Sie hat ein Selbstverständnis entwik- kelt und ist - im großen ganzen - in der Lage, ihre Bedürfnisse an Wissenschaft und Forschung zu formulieren. Dabei spricht sie verschiedene Hoch¬ schuldisziplinen an, nämlich all jene, die sich in irgendeiner Weise mit Elementen und Vorgängen im Raum befassen, darunter natürlich auch die Geogra¬ phie. Doch es läßt sich nicht verkennen, daß die «grosse Zeib> der Geographie in der Raumplanung in der ersten Phase stattfand. In der zweiten Periode ging es dann gewissermaßen um das «Erbe» der Geogra¬ phie, um den Anspruch auf ganzheitliche Betrachtung und Planung des Raumes. In der heutigen dritten Phase, so scheint es, hat die Geographie kaum mehr entscheidende Akzente in der Raumplanung gesetzt. Wohl erregen hie und da, zumindest in Fachkreisen, geographische Studien ein gewisses Aufsehen. Von einer Leaderstellung der Geographie in der Raumpla¬ nung kann allerdings nicht mehr gesprochen werden. Die Geographie hat sich heute, so erscheint es einem Außenstehenden, stark auf eng umgrenzte Teilbe¬ reiche spezialisiert. Dabei gerät ausgerechnet jene, als spezifisch geographisch bezeichnete Denkweise in räumlichen Dimensionen ins Hintertreffen. Die Schweizer Raumplanung hat bis heute zahlreiche im besonderen Interessenbereich der Geographie liegende Fragen aufgeworfen oder mitformuliert und Studien zu deren Beantwortung unterstützt. Im Vordergrund stehen dabei: - Abklärungen über die Bedeutung der natürlichen Lebensgrundlagen (Art. 1 Abs. 2 RPG) für die 66 Planung und Abstimmung raumwirksamer Tätig¬ keiten auf den verschiedenen Ebenen unseres Staatswesens; - Erfassung und Charakterisierung von Landschaften mit Streusiedlungen und Analyse ihrer Verände¬ rungstendenzen; - Erfassung und Analyse der bevölkerungs- und nutzungsmäßigen Entwicklung der Schweiz («Raumbeobachtung Schweiz»); - Die drei Nationalen Forschungsprogramme «Man and Biosphere» (MAB); «Regionalprobleme» und neu «Nutzung des Bodens». In allen Bereichen arbeiten Geographen aktiv mit oder sind zur Mitarbeit aufgerufen. Trotzdem er¬ scheint dem Außenstehenden mehr Forschungsenga¬ gement im Bereiche der Raumplanung durchaus möglich - und erwünscht. Zu oft, so der Eindruck, wendet die Geographie ihren forschenden Blick zurück in die Vergangenheit, anstatt ihn auf aktuelle raumplanerische Probleme zu lenken. - Dabei sind, so scheint mir, zahlreiche Problembe¬ reiche für eine geographische Erforschung geradezu prädestiniert, vorausgesetzt, diese Fragen werden auch von der Geographie als solcher gesehen und dement¬ sprechend als Anliegen anerkannt - ohne direkte Aufträge oder Anstöße von außen. Analysieren wir doch einmal das Raumplanungsgesetz vom 22.Juni 1979 mit «forschungshungrigen» Augen: Die Planungsgrundsätze (Art. 3 RPG) sind zwar deutlich formuliert, aber nicht ohne weiteres und direkt in die Praxis umzusetzen. Sie müssen im Einzelfall bewertet, abgewogen und umgesetzt werden können. Die planenden Instanzen in Bund, Kantonen und Gemeinden wären bei ihren raumwirksamen Tätigkeiten der Geographie um klärende Kriterien sicher dankbar, etwa in folgenden Fällen: - «Die Landschaft ist zu schonen. Insbesondere sollen. Siedlungen, Bauten und Anlagen sich in die Landschaft einordnen» (Art. 3 Abs. 2 Bst. b RPG). Nach welchen Kriterien soll zum Beispiel die Einordnung baulicher Anlagen in eine Landschaft bewertet werden? - «Die Landschaft ist zu schonen. Insbesondere sollen. Naturnahe Landschaften und Erholungsräume erhalten bleiben» (Art.4 Abs. 2 Bst. d RPG). Welche Kriterien sind zum Beispiel maßgebend, um Einwirkungen auf Landschaften und Erho¬ lungsräume zu bewerten? Wie bemißt sich der gegeneinander abzu¬ wägen, Vor- und Nachteile aufzulisten und in eine Rangfolge zu bringen. Daraus resultiert der Ent¬ schluß. In der dritten Phase geht es darum, den gefaßten Entschluss auf seine Stabilität hin zu prüfen: Führt die Handlung zu den gesetzten Zielen? Welche «exogenen» Entscheidungen und Entwicklungen können die vorgesehene Handlung in ihrer Wirkung schmälern? Es geht in dieser Prüfphase darum, die Stabilität des Entschlusses zu testen. Ist man über¬ zeugt, über eine stabile Lösung zu verfügen, kann der Antrag zum Beschluß über die Handlung ge¬ stellt werden. Ingesamt lassen sich alle sieben gestellten Aufga¬ ben, die zuvor formuliert wurden, mit diesem Denk¬ muster der Beurteilung der Lage bearbeiten. Abb. 4.3 -?Zeit Auftrag *) Beschluss (Auftraggeber) (Auftragnehmer) 1. Erarbeiten der Handlungs¬ möglichkeiten *) E« B Prüfen Evaluation und Bewertung Handlungen: w 3. Phase 2. Phase Pha3e » Entschluss: E« des Entschlusses M7 B Antrag Auftrag zur Erreichung eines Ziels/ zur Lösung eines Problemes oder Konfliktes Legende: A: B: C: D: E: Ziel/ Ziele Zeitfaktor die zur Verfügung stehenden Mittel die aktuelle räumliche Situation "exogene" Ereignisse und Entscheidungen 201 5. Folgerungen zwischen diesen Sphären, das Zusammenwirken oder, wie wir modern sagen würden, die Vernetzung zwischen diesen Elementen. Bilden wir nun die As¬ soziation zum lateralen Denken, ergibt sich nachfol¬ gende und damit identische Darstellung (Abb. 5.2). gen es? Der Titel meines Referates lautete: «Denkmuster für die angewandte Geographie». Ich habe in meinen Ausführungen dargelegt, daß zwi¬ schen der Beschäftigung mit Vergangenem bzw. Ge¬ genwärtigem und der Beschäftigung mit Zukünfti¬ gem (der Obertitel der Veranstaltung heißt ja: «Die Zukunft unseres Lebensraumes») grundsätzliche Unterschiede bestehen. Die Beschäftigung mit Zu¬ künftigem verlangt, aufgrund der aufgezeichneten Eigenheiten bzw. Charakteristiken, nach andern, den Realitäten angepaßten Denkmustern als beim Arbeiten mit Vergangenem bzw. Gegenwärtigem. Im Vordergrund des Interesses steht dabei die Syn¬ these (d. h. der Überblick über die Vernetzung) vie¬ ler Einzelinformationen. Diese Synthese ist jedoch Um was ging GEOSPHflEREH-MODELL PS?1^ hft - aus Lithosphäre, Atmosphäre, Hydrosphäre, An¬ throposphäre (Abb. 5.1). .ffes* ts~yY JU - nicht Selbstzweck, sondern geschieht wenn wir mit Blick von angewandter Geographie sprechen auf beabsichtigte Handlungen, das heißt mit Blick auf bevorstehende Entscheidungen. Das entwor¬ fene Denkmuster für die Beurteilung von Lagen mit zugehöriger Entschlußfassung wird getragen von den Grundzügen lateralen Denkens, wo heuristisch Assoziationen zwischen den relevant erscheinenden Elementen und Informationen hergestellt werden. Eine derartige Assoziation hatte z. B. Archimedes, als er in die Badewanne stieg und durch die Verdrän¬ gung von Wasser wesentliche Erkenntnisse über physikalische Gesetze gewann. Er soll dabei ausge¬ ich hab's». Das mit dem rufen haben «Heureka Fragenpaket zur Beurteilung der Lage aufgezeich¬ nete Denkmuster soll helfen, systematisch auf den bezüglich einer Handlung zu formulierenden An¬ trag hinzuarbeiten. Die Herausforderung besteht si¬ cher darin, aus der Fülle von Informationen, der Komplexität, der Ungewißheit und Unsicherheit Klarheit und Einfachheit zu erreichen. Ist dieses Denkmuster neuartig für die Geographie? Ich meine keineswegs, nur ist es im Laufe der zuneh¬ menden Spezialisierungssucht auch innerhalb der Geographie verschüttet worden. Es fällt mir leicht, dies zu demonstrieren. Aus der Grundausbildung kennen wir das Modell der Geosphäre bestehend LATERALES DEHK-MODELLi (nach De B0H03 |Abb 5.2 Betrachten wir die Geosphäre in diesem geradezu klassischen geographischen Sinne, stellen wir Kon¬ gruenz mit den heute eher gehörten Begriffen «Um¬ welt, Raum» fest. An obiger Darstellung kann im übrigen verdeutlicht werden, daß ein Vorstoß der Geographie in eine weitergehende Spezialisierung nicht der ursprünglichen Idee dient: Bei zu tiefem Eindringen geht die Kraft, um Querbeziehungen zu anderen Bereichen, Elementen zu sehen und zu ver¬ stehen, immer mehr verloren. Damit verliert der Geograph auch seine Qualifikation als Synthetiker. Will er seiner ureigenen Berufsbestimmung gerecht werden, hat er in die Analyse (vertikale Richtung) nur so weit vorzudringen, als er noch in der Lage ist, die Querbeziehungen zu den anderen Bereichen zu erkennen und zu verstehen. Er muß mit anderen Worten dialogfähig bleiben, sonst können keine As¬ soziationen, das Kernstück heuristischen Denkens, entstehen. Im übrigen ist festzustellen, daß sich bei den Leuten, die an der Nahtstelle zwischen vertika¬ lem und lateralem Denken operieren, die Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen zunehmend verwischen. Einen «Synthetiker» stört das über¬ haupt nicht, im Gegenteil, er sucht ja das Gemein¬ same. Im Geosphären-Modell sind die einzelnen Sphären aber nur ein Teil. Der andere Teil sind die Beziehun¬ bestehend aus* GEOSPHAERE: ^Y3^ cgZZs? A JJJU B C D Umweltnaturwissenschaft oder Umweltingenieur¬ Lithosphäre Atmosphäre Hydrosphäre Anthroposphäre Biosphäre | 202 Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung zur neue¬ Entwicklung an den Hochschulen: Hier wird Begriff «Umwelt» zunehmend als Werbeträger verwendet. Alte, disziplinar ausgelegte Vorlesun¬ gen in Chemie, Botanik, Zoologie, Ingenieurwis¬ senschaften werden unter dem Titel Umweltlehre, ren der Abb 5.1 studium verkauft: Alter Wein in neuen Schläu¬ chen? von lateralem Denken oder gar von heu¬ ristischem Annähern an Problemsituationen kann kaum oder eher keine Rede sein. Und die Geogra¬ phie: Sie bedarf, wenn sie sich auf ihre ursprüngli- che Stärke besinnt, keines neuen Begriffs. Geogra¬ phie ist auch in unserer Zeit ein hinreichend tragen¬ des Fundament oder, um in der Bildsprache von vor¬ her zu bleiben, geeignet, um «in alten Schläuchen neuen Wein» aufzunehmen. - Denken allein verwandelt die Welt nicht nur Handlungen! Also, was tun? Ich sehe drei Adressa¬ tenkreise: a) wir als Individuen, b) wir als Mitglie¬ der der Zürcherischen Geographisch-Ethnographi¬ schen Gesellschaft, c) wir als Lehrkörper an Hoch¬ schulen. Zu a) was haben wir als Individuen (als Geogra¬ phen) zu tun? Durch unsere Arbeiten erstens posi¬ tiv einwirken auf die Erhaltung und Förderung der Qualität unseres Lebensraumes. Zweitens die an¬ stehenden Aufgaben mit tauglichen Denkmustern anzugehen. Drittens erreichen, daß die Geographie in einer Art Renaissance wieder zurückfindet zu ih¬ rer ursprünglichen Bestimmung als Disziplin der Synthese. Das Individuum vermag jedoch nicht al¬ les. Es braucht die Gesellschaft, hier konkret die Geographisch-Ethnographische Gesellschaft Zü¬ rich. Zu b) was haben wir als Vertreter dieser Gesell¬ schaft zu tun? Ich sehe zwei Schwerpunkte: Erfah¬ rungsaustausch, zum Beispiel dieses Symposium. Mit einer mittelfristigen Planung müßte hier auf der nationalen und internationalen Ebene etwas getan werden. Vielerorts ist Geographie zum Spezialisten¬ tum degeneriert. Allmählich wächst aber das Be¬ wußtsein um die ursprüngliche Zweckbestimmung wieder. Die Gesellschaft sollte durch einen entspre¬ chenden Erfahrungsaustausch auf nationaler und internationaler Ebene diese Kräfte wieder zusam¬ menführen. Neben diesem Erfahrungsaustausch könnte die Gesellschaft gelegentlich auch Stellung beziehen zu aktuellen Zeitfragen, die unseren Le¬ bensraum betreffen. In der bisweiligen Verwirrung der Bevölkerung durch Hiobsbotschaften sollte die Gesellschaft durch entsprechende Stellungnahme die Dinge wieder ins rechte Licht rücken. Zu haben wir als Lehrkörper an Hochschulen zu tun? Wäre es nicht sinnvoll, in der Grundausbil¬ dung von Geographen neben der Vermittlung von Wissen und Techniken auch allenfalls unter Einbe¬ ein Training in der Beurteilung zug von Praktikern von Lagen anzubieten? Wäre es nicht sinnvoll, durch das Anbieten von Weiterbildungsmöglichkei¬ ten, die im Berufsleben stehenden Geographen pe¬ riodisch im Bewältigen ihrer Aufgaben zu unterstüt¬ zen und im geographischen Denken zu trainieren? c) was - - Ich komme zum Schluß meiner Ausführungen Meinen Schlußsatz habe ich an der Wand der Garde¬ robe des Geographischen Institutes der Universität Bristol gelesen. Dort war eingekritzelt: «When you are with a geographer you are with someone spatial.» Dieses «spatial» war durchgestrichen und ersetzt mit «special». Literaturverzeichnis DE BONO, E. (1985): Lateral thinking. Penguin books, Har- mondsworth (GB) FRIEND. J., HICKLING A. (1987): Planning under pressure. Pergamon Press, Oxford GRESCH, P. (1988): Raumplanerisches Denken. Unveröf¬ fentlichtes Manuskript zur Vorlesung an der ETHZ ws 88/89 Zürich - LOVELOCK, J. E. (1987): GAIA Oxford University Press, Oxford A new Look at Life on Earth. SIEBKER, M. (1983): Ökologie als Zentrale Zukunftsaufgabe in: KUNZ, G.: Die ökologische Wende, dtv, München 203
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